Das 800jährige Gedenken an den Tod des Hl. Franziskus stellt die Frage nach seinem Erbe und „Warum es die franziskanische Spiritualität heute braucht?“ Die Herausgeberin des vorliegenden Werkes Sr. Mirjam Schambeck hat dazu Schwestern und Brüder aus der franziskanischen Familie gebeten, aus ihrem jeweiligen Interessensgebiet heraus eine Antwort zu geben. So versammelt der Band insgesamt 21 Autorinnen und Autoren, die in relativ kurzen Artikeln von 7 bis 10 Seiten ihren franziskanischen Akzent zum Jubiläumsband der FRANZISKANISCHEN AKZENTE beisteuern.

In ihrer „Einleitung: Franz von Assisi radikal anders“ charakterisiert die Herausgeberin die beiden Lebenshälften des Protagonisten in den Kategorien von Haben und Sein, von Nehmen und Geben. „Nehmen, nicht um abzugeben, sondern um sich selbst groß zu machen, so könnte man die ersten beiden Lebensjahrzehnte von Franz überschreiben“ (8). „Nicht mehr zu nehmen oder gar wegzunehmen, sondern zu geben – und jetzt auch nicht mehr nur um des eigenen Vorteils oder des eigenen Vergnügens willens, sondern frei, ohne zu zählen -, das wird Franziskus als Kehre seines Lebens bezeichnen“ (9). Franziskus lebt die Erfahrung und „das tiefe Vertrauen, dass sich der Mensch nichts selbst nehmen muss, um jemand zu sein, weil er von Gott schon immer, und zwar bedingungslos, ohne Vorleistung in seiner unvertretbaren Würde geliebt ist“ (9). Darin liegt seine Radikalität, dass Franziskus dies in eine allumfassende Geschwisterlichkeit umsetzt. Sie kommt am schönsten im Sonnengesang zum Ausdruck. „Alles hat von Gott her seine Würde und damit bekommen die Dinge dieser Welt, die Tiere und Naturgewalten nicht erst über den Menschen Wert, sondern haben ihn schon von Gott her. Das aber begrenzt den Menschen und sein Verfügungsrecht: Die Natur ist als Schöpfung kein Ausbeutungsterrain, sondern zu respektierende Mit-Welt“ (18). Mit Blick auf Franziskus und seinen Umgang mit Gott, Menschen, Kirche, Schöpfung und andere Religionen ist für Mirjam Schambeck ein Kennzeichen der franziskanischen Spiritualität die Entgrenzung. „Gewohntes, Tradiertes, man könnte auch sagen, die „Normalismen“ unserer Gewohnheiten, gesellschaftlichen und kirchlichen Konventionen und Doktrinen nicht einfach unreflektiert weiter übernehmen, sondern befragen, ob sie taugen, die Menschen in ihrer Würde zur Geltung kommen zu lassen“ (19).
Michaela Wachendörfer greift dann den Gedanken der Radikalität bei Franziskus auf und kommt zu der Einschätzung, dass seine Radikalität keine Flucht in Extreme war, sondern Konsequenz und Ehrlichkeit. „Radikalität bedeutet für mich heute auch anderes. Nicht alles aufzugeben, sondern auszuhalten: Ambivalenz, Zweifel, innere Leere, offene Fragen“ (25). Die franziskanische Armut sieht sie als „Enteignung“: „Der Mensch verzichtet darauf, sich selbst abzusichern – religiös, sozial oder psychologisch. In heutiger Perspektive bedeutet diese Radikalität, die eigenen Gottesbilder immer wieder der Kritik auszusetzen; den Glauben nicht zur Stabilisierung des Ichs zu instrumentalisieren, Unsicherheit auszuhalten, den eigenen Glauben nicht als Schutzwall, sondern als Vertrauen zu leben. Die Ungewissheit nicht als Bedrohung, sondern als Ort der Begegnung zu verstehen“ (28).
In ihrem Schlusswort betont Mirjam Schambeck, dass franziskanische Spiritualität „nichts Besonderes“ ist. Sie ist immer praktisch orientiert und wird erkennbar am Tun. Sie lebt von einem absichtslosen da sein und sich ansprechen lassen, was im Hier und Jetzt geschieht. Sie gibt dem Kleinen und Unscheinbaren den Vorrang in einer Welt voller narzistischer Selbst-Inszenierungen. Sie ringt mit Gott statt ihn zu eventisieren. Sie schreibt das Teilen groß.
Fazit: „Franziskanische Spiritualität zeichnet sich durch das Teilen aus: Leben teilen, Glauben teilen, was wir haben und sind, teilen; denn nicht das Behalten und Nehmen machen groß, sondern das absichtslose Geben und freie Teilen. Wie in den unterschiedlichen Beiträgen dieses Bandes deutlich wurde, wird man dadurch nicht ärmer. Darin liegt vielmehr die Verheißung, in einer freien Verbundenheit mit anderen Menschen eine Welt zu gestalten, in der Recht und Gerechtigkeit groß geschrieben sind. Das klingt nach gewohntem Jargon. Angesichts einer Welt und Kirche, in der sich die Großen nicht mehr an Recht, Takt, an Haltungen des Respekts und der Ehrfurcht vor der Würde der anderen gebunden wissen, ist das aber mehr. Wenn Grenzen von Menschen überschritten und von Staaten gewaltsam überrannt werden, dann scheinen Appelle, sich an Recht und Gerechtigkeit zu orientieren, ins Leere zu laufen. Dass es hier Menschen braucht, die anfangen, jetzt erst recht, freundlich, aufmerksam, widerständig, kritisch, nachdenklich, offen, verletzlich, aufrichtig, ehrlich, barmherzig zu sein, ist gerade heute umso notwendiger. Die franziskanische Spiritualität lädt dazu ein, dies zu er-innern“ (200).
Dies geschieht in folgenden Beiträgen:
Auf der Suche bleiben – eine Form der Treue
Michaela Wachendorfer
Gott suchen mittendrin
Kathrin Prenzel & Marie Sophie Schindeldecker
Gottesgedichte – eine Franziskanische inspirierte Theopoesie
Elisabeth Wöhrle
Franz und Klara von Assisi. Gemeinsam glauben – verändert leben
Martina Kreidler Kos
Assisi – Inspirationsort für heute
Thomas Freidel & Marie-Catherine Müller
Schulter an Schulter mit den Armen
Markus Fuhrmann
Kirche ist ein demokratisch und synodal – Raum der Freiheit und Selbstverwirklichung
Katharina Ganz
Ehrfurcht vor der Schöpfung
Stefan Federbusch & Beate Krug
Kriegszeug ablegen und für Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit einstehen
Burkhard Hose
Geschwisterlich leiten
Thomas Dienberg
Durch die Gebrochenheiten des Lebens hindurch
Helmut Schlegel
Kontemplativ mitten in der Stadt
Jan Frerichs
In der Welt zuhause – als Franziskanerinnen heute leben
Mirjam Schambeck
Franziskus – geschwisterliche Ökumene
Nicole Grochowina
Franziskanischer Dialog mit Gläubigen anderer Religionen
Jürgen Neitzert
Kein Ort zu klein, franziskanische Präsenz auf der ganzen Welt zu leben
Petra Kappius
Suchen und finden: Lebenswege pilgern gehen
Niklaus Kuster
Als junge Menschen Franziskanische inspiriert leben
Maria Schmitt
Schluss: Warum ist die franziskanische Spiritualität gerade heute braucht
Mirjam Schambeck
Im Vergleich zu den sonstigen Bänden der Franziskanischen Akzente weist der Band zum 800jährigen Jubiläum mit 200 Seiten etwa die doppelte Seitenzahl auf. Dementsprechend ist er auch preislich teurer. Er bietet für alle Interessierten eine gute Übersicht über Aspekte der franziskanischen Spiritualität und wie sie heute gelebt werden.
Zur Herausgeberin
Mirjam Schambeck sf (societas francisci), Prof. Dr. theol. habil., nach dem Studium der Theologie (Diplom) und Germanistik pastorale Arbeit in Brasilien und Bolivien (in Favelas, mit Straßenkindern, dem Stamm der Chiquitanos und in der Ordensausbildung), seit 2006 Professorin für Religionspädagogik, zunächst in Bamberg und Bochum, seit 2012 an der Universität Freiburg i. Br., zahlr. Veröffentlichungen.
Br. Stefan Federbusch
Die Buchbesprechung zum Download (pdf)
BB-SF - Franziskus von Assisi - radikal anders