Aufarbeitung sexualisierter Gewalt
Die Deutsche Franziskanerprovinz hat 2023 beim Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München eine unabhängige Aufarbeitung sexualisierter Gewalt für die Jahre 1945 bis 2025 in Auftrag gegeben. In diesem Zeitraum haben mehr als 2.500 Franziskaner in den verschiedenen Provinzen in Deutschland gelebt. Der 454seitige Abschlussbericht der Studie wurde am 25. Februar 2026 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das IPP gibt folgende Zusammenfassung der Ergebnisse:
Die zentralen Forschungsfragen der sozialwissenschaftlichen Studie richteten sich auf
- die Ermittlung und Beschreibung von Taten und Tatkontexten (was ist passiert?)
- die strukturellen Ermöglichungsbedingungen und Aufdeckungshindernisse im System „Deutsche Franziskanerprovinz“ (bzw. ihre Vorgängerprovinzen) (wie konnte das passieren?)
- den Umgang mit Betroffenen und Tatverdächtigen im Zeitverlauf (wie wurde/wird damit umgegangen?)
- die Auswirkungen der Gewaltformen auf die Betroffenen (wie ist die Situation der Betroffenen?).
Dazu wurden qualitative Interviews mit Betroffenen, Ordensangehörigen und Zeitzeug*innen geführt. Außerdem wurde umfangreiches Akten- und Dokumentenmaterial ausgewertet. Hinzu kam eine Anfrage bei allen deutschen katholischen Bistümern nach Tatverdächtigen in ihren Verantwortungsbereichen, die dem Franziskanerorden angehörten.
Was ist passiert?
Ermittelt wurden über 100 Betroffene (75% männlich, 25% weiblich), die sexualisierte Gewalt durch Mitglieder der Deutschen Franziskanerprovinz (bzw. ihrer Vorgängerprovinzen) erlebt haben. Aus den verschiedenen Quellen wurden insgesamt 98 Tatverdächtige identifiziert. Bei 60% der Fälle lag der Tatbeginn in den 1950er – 1970er Jahren. Rund 90% der ermittelten Fälle wurden nach 2010 bekannt. Wie in allen vergleichbaren Studien kann auch hier von einem deutlich größeren Dunkelfeld bei Betroffenen und Tatverdächtigen ausgegangen werden. Die meisten Taten wurden in pädagogischen Einrichtungen begangen. Meldungen liegen vor allem aus dem Gymnasium/Internat in Vossenack vor, aber auch aus Einrichtungen in Ottbergen, Vlodrop, Dorsten und Watersleyde. Weitere Tatkontexte sind Kirchengemeinden, Kloster, Jugendfreizeiten und private Räume. Die Mehrheit der Betroffenen war zu Tatbeginn zwischen zehn und 15 Jahre alt. Die sexualisierte Gewalt erstreckte sich in knapp 30% der dokumentierten Fälle über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren. Etwa ein Viertel der dokumentierten Taten war mit Eindringen in den Körper verbunden. Gezeigt haben sich zudem Varianten spirituellen Missbrauchs wie religiöse Aufladung sexueller Handlungen, pastoraler Machtmissbrauch und Manipulation.
Wie konnte das passieren?
Ermöglichungsbedingungen liegen in ordensspezifischen Problemen (Umgang mit Gehorsam und Keuschheit, ungeklärte Sexualität, psychische und physische Erkrankungen, früher Ordenseintritt) und einer restriktiven Pädagogik in den Einrichtungen, die lange vor allem der Rekrutierung von Ordensnachwuchs dienten. Dazu kamen die täterschützende Haltung der jeweiligen Ordensleitungen und ein institutionalisiertes Wegsehen.
Wie wurde damit umgegangen?
Bis in die 2010er Jahre wurde sexualisierte Gewalt im Orden verleugnet bzw. nur auf Druck von außen zugegeben. Betroffenenorientierung war bis zur Implementierung des Verfahrens zur Anerkennung des Leids nicht erkennbar.
Konsequenzen und Empfehlungen
Seit 2011 haben sich die Provinzleitungen zunehmend mit den Gewalttaten befasst. Schutzkonzepte liegen mittlerweile vor. Trotz der unausweichlichen Konfrontation mit dem Niedergang des Ordens sind die Bedarfe Betroffener verstärkt in den Blick genommen worden. Eine konsequente Auseinandersetzung mit den Tätern sowie lokale Aufarbeitungsinitiativen fehlen nach wie vor. Der Weg der institutionellen Gewaltprävention muss konsequent fortgesetzt werden.
Die Studie ist auf der Website des Instituts unter www.ipp-muenchen.de abrufbar.

In der Stellungnahme von Provinzialminister Markus Fuhrmann heißt es:
„Im Namen der Deutschen Franziskanerprovinz möchte ich alle Betroffenen um Vergebung bitten für das, was ihnen an sexualisierter Gewalt, aber ebenso an spirituellem Missbrauch angetan wurde. Ich möchte Sie um Vergebung bitten für die entsetzlichen Taten. Und ich möchte Sie um Vergebung bitten für das Versagen von Verantwortlichen – die nicht hingesehen, nicht zugehört oder nicht ausreichend gehandelt haben. Ich weiß, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann Sie nur darum bitten. Mir ist bewusst: Worte können Leid nicht ungeschehen machen. Aber Schweigen wäre ein erneutes Versagen. Deshalb ist es mir wichtig, heute klar Verantwortung zu übernehmen und Schuld innerhalb unserer Ordensgemeinschaft zu bekennen…
Sich diesen dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu stellen, ist schwer. Aber es ist notwendig. Wahrheit ist Voraussetzung für Gerechtigkeit. Und Wahrheit ist Voraussetzung dafür, dass Vertrauen neu wachsen kann.
Diese Studie ist deshalb kein Abschluss. Sie ist ein entscheidender Schritt im Prozess der Aufarbeitung. Wir werden auf Grundlage der Ergebnisse weitere Maßnahmen entwickeln und umsetzen. Dabei ist uns besonders wichtig, Betroffene – soweit sie es wünschen – in diesen Prozess einzubeziehen.“
Die gesamte Stellungnahme unserer Provinzleitung ist unter www.franziskaner.de einsehbar.
Dort findet sich auch eine Übersicht über den bisherigen Prozess der Aufarbeitung seit 2010.

Die Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie finden Sie als YouTube-Video.
Weiteres Vorgehen
Die Studie ist ein wichtiger Meilenstein im Aufarbeitungsprozess, der jetzt weiter konsequent fortgesetzt wird. Dazu wird eine Aufarbeitungsgruppe eingesetzt, die die Empfehlungen prüft und umsetzt. Ein Schwerpunkt wird auf der Implementierung einer Erinnerungskultur liegen. Geplant ist, in etwa einem Jahr einen Bericht zum Stand des weiteren Aufarbeitungsprozesses vorzulegen.
Br. Stefan Federbusch
(Provinzialvikar und Provinzbeauftragter für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt)